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Il Teatro di Figura in Piemonte
Das Figurentheater im Piemont
von Alfonso Cipolla

 

Gianduja von Gambarutti

Teatro dei Sensibili "Jack the Ripper"

Ciotolino
Claudio Cinelli/Luca Valentino
Piccolo Regio, 2010

Museo Lupi, Via Santa Teresa

Dottor Bostik / Dinu Arru
Ausstellung Dez. 2010, Grugliasco

Controluce
Didone e Aenea

Marionette Grilli

Teatro Alegre

Il Melarancio
Famelico Lupo/der hungrige Wolf

Oltreilponte Teatro / Beppe Rizzo
Il Paese di Pocopalia


Gianluca di Matteo

Il Gufo Bufo

Figur von Andrea Rugolo
für Woyzzeck (Oltreilponte Teatro)

Giovanni Moretti

Alfonso Cipolla (r) mit Mario Bianchi

Sammlungen des Istituto
Bergamesker Handpuppen von

Enrico Manzoni
(genannt "Rissoli")

Sammlungen des Istituto
Figuren der Compagnia Burzio

Ing. Augusto Grilli
in der Werkstätte seiner Sammlung

 

Geschichte

Das Figurentheater im Piemont hat alte Wurzeln. Das ist eine besonders reiche Tatsache, die aus der Region - mit ihren vielfachen Nachbarn im Laufe der Zeit - eine der für das Marionetten- und Handpuppentheater bedeutendsten geographischen Gegenden macht: nicht nur durch die große Zahl der Gesellschaften, sondern weil diese, indem sie herumwanderten, ihre Tradition und die Sprache des Piemont in einen großen Teil Norditaliens getragen haben. Die Masken Gerolamo-Gironi, Gianduja, Giacometta, Famiola haben eine besondere Kultur verbreitet, die, durch die historischen und politischen Ereignisse, ein Spiegel der Ereignisse des Risorgimento wurden, und sich als eine der Begleiterscheinungen des Schicksals dieser Kompagnien erwiesen.
Ein Beweis dafür sind die außerordentlichen Erfolge des Turiners Giuseppe Fiando: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts übersiedelte er nach Mailand, um dort ein so berühmtes Marionettentheater zu eröffnen, dass es in den größten internationalen Reiseführern dieser Zeit erwähnt wurde und so zu einem Pflichtziel für alle ausländischen Reisenden auf der Entdeckung der italienischen Wunder wurde.
Aber es handelt sich hier nicht um einen Einzelfall; unter den zahlreichen zu dieser Zeit populären Kompagnien verdient es zumindest die von Teresa Gioannini Gandolfo erwähnt zu werden, die durch fast ein halbes Jahrhundert unter Schwierigkeiten verschiedenster Art eine ausdauernde Vertreterin der Turineser Puppenspielerszene ist. Eine Frau, die zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert zu Pferd eine alles andere als kleine Kompagnie leitet und verwaltet, ist eine Ausnahmeerscheinung, und das nicht nur in der Welt des Theaters.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts sind die Namen, die auf einander folgen, so viele: Giòanin d'ij Osei, "der Kaiser" der Puppenspieler, besungen von Angerlo Brofferio, Carlo Cuniberto, Giovanni Battista Sales und Gioacchino Bellone (die Erfinder Giandujas) und dann die Familien Lupi, Colla, Monticelli, Razzetti, Rizzi, Rame, Ajmino, Pallavicini, Marengo, Burzio, Gambarutti, Sarina, Concordia, Canardi, Niemen.
Einige von ihnen rühmen sich einer jahrhundertelangen Geschichte wie die Lupi in Turin, oder die Colla, die sich in Mailand niedergelassen haben, oder die Monticelli jetzt in Ravenna, während die Niemen noch jetzt wie vor Zeiten im Piemont herumreisen. Andere dagegen haben das Marionettentheater für das Schauspielertheater verlassen: das ist der Fall bei der Familie Rame, deren Urvater Pio der Großvater von Franca Rame ist, die zusammen mit Dario Fo eine Dramaturgie des Engagements und der Volkstümlichkeit entwickelte und teilte, die ihnen den Nobelpreis brachte.
Zu der beruflichen Seite gesellten sich literarische und künstlerische Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, wie das Teatro delle Piccole Maschere des Schriftstellers Umberto Gozzano bei der Pro Cultura Femminile, oder die raffiniertesten symbolistischen Marionetten des Bildhauers Felice Tosalli angeregt durch den Circolo degli Artisti: eine Linie des künstlerischen Theaters die bis zum Teatro dei Sensibili von Guido Ceronetti und seinen ideenreichen Marionetten führt.
Aber die Geschichte der Piemontesischen Marionetten und Handpuppen lebt nicht nur vom Ruhm der Vergangenheit oder von Einzelerscheinungen. Tatsächlich erreichte die Erneuerung, die zum modernen Figurentheater führte, immer das Piemont. Am Ende der Sechzigerjahre waren es dann die Erfahrungen der Compagnia dei Burattini di Torino von Giovanni Moretti - zusammen mit Maria Signorelli und Otello Sarzi in Rom - die die Entstehung einer neuen Entdeckung und einer neuen Sensibilität auszeichnete und die auch dem entstehenden Jugendtheater den Weg bereiteten.

KOMPAGNIEN

Im Kielwasser dieser neuen Auffassungen wurde Ende der Siebzigerjahre die Vermehrung der Kompagnien unterstützt, die, parallel zum Aufschwung der Tradition, das vielfältige aktuelle Panorama auszeichnen sollten. Das Figurentheater kann wirklich nicht auf ein Gebiet der Veranstaltungen reduziert werden, sondern es ist eine grenzüberschreitende Form, indem es Tanz, neues Theater, Musik, Bildende und Darstellende Kunst einbezog..
Es ist also kein Zufall, dass sich unter dem Veranstaltungsangebot des Piccolo Regio dauernd Stücke finden, die solche Bühnenausdrucksformen benützen, sei es durch ausgezeichnete Gastspiele, sei es durch echte der Inspiration von Künstlern wie Claudio Cinelli oder Luca Valentino anvertaute Eigenproduktionen.
Aber Figurentheaterstücke sind in den verschiedensten Theater- und Musikfestivals präsent, von MiTo zum Festival delle Colline Torinesi, vom Teatro a Corte in den wunderschönen Winkeln der Savoischen Residenzen bis zum Festival del Circo Contemporaneo von Grugliasco. Ebenso sind solche Aufführungen in den Saisonprogrammen der Fondazione Circuito Teatrale del Piemonte oder in einigen ihrer Sonderprojekte anzutreffen.
Zusammenfassend ist das Figurentheater im Piemont eine äußerst lebendige Wirklichkeit, fähig, sich den Erneuerungen zu öffnen und ein entschieden heterogenes Publikum zu verzaubern.

Aber kommen wir zu den Kompagnien, die heute in diesem Gebiet wirken. Von den historischen Kompagnien setzen die Compagnia Marionette Lupi und Il Gran Teatro dei Burattini dei Fratelli Niemen ihre Tätigkeit auf den Spuren der Tradition fort.
Die Lupi sind die älteste Kompagnie Italiens. Der Gründer Luigi Lupi (1794 - 1856) kommt 1815 aus Ferrara ins Piemont. Das ist der Anfang einer ruhmreichen Geschichte, bestimmt, sich mit der von Turin als Hauptstadt zu verknüpfen. Das Theater der Lupi wurde das Theater, in dem sich die Stadt spiegeln konnte. Vom Risorgimento zum Ersten Weltkrieg, von den Weltausstellungen zu den Kolonialkriegen, zu den industriellen Erfolgen der Fiat, das ist die Geschichte, die auf der Bühne der Lupi abläuft, erzählt, während sie noch Reportage ist. Noch am Anfang des 20. Jahrhunderts konnten sich die Lupi des unglaublichen Durchschnitts von 90.000 Zuschauern pro Jahr rühmen: es gibt keine vergleichbaren Theaterveranstalter in der Stadt. Heute, nach wechselhaftem Schicksal, ist die Aktivität der Gruppe eng verbunden mit der des Theatermuseums in der via Santa Teresa, das eine Auswahl der Schätze der Familie zeigt.
Die Niemen, alte, im Piemont verwurzelte Zirkusfamilie, sind die letzten Vertreter von etwas, das einmal il trattenimento del Gianduja (Giandujavorstellung) genannt wurde. Mehr als 150 Jahre brachten die Niemen ein gleichsam unverändertes Repertoire auf die Bühne, bereisten das Piemont und die ligurische Küste intensivst mit Aufführungen voll frischem Volkstums. Emma Maria Niemen (Jahrgang 1920), Doyenne der Familie, mit ihren lebendigen Erinnerungen, und der Sohn Eliseo Bruno mit seinen Handpuppen auf den Plätzen, sind die Letzten, die die Erinnerung an eine alte Kunst, behütet mit all der Weisheit Giandujas, bewahren.

Was dagegen das moderne Figurentehaer betrifft, setzt seit 1979 die Kompagnie Il Dottor Bostik/Unoteatro mit Konsequenz ihre persönliche Linie fort, sowohl für ein Kinder- als auch für ein Erwachsenenpublikum, mit Aufführungen von klar sichtbarer Wirkung, verbunden mit Ereignissen des täglichen Lebens und engagierter Thematik. Stärke der Aufführungen ist die besondere Beziehung zwischen Animator und Figur, die es Dino Arru, Seele der Gruppe, gelingt, in einer Mischung aus Unruhe und Zärtlichkeit aufzubauen.
Zwischen Bildender Kunst, Musik und Tanz bewegen sich dagegen die hoch entwickelten Experimente von Controluce Teatro d'Ombre mit Aufführungsprojekten, bei denen lyrische Elemente und anspruchsvolle musikalische Formationen vereint sind. Die ausgezeichnete Zusammenarbeit und die Universalität der Sprachen haben es der Gruppe - gegründet von Alberto Jona, Cora De Maria und Jenaro Meléndrez - erlaubt, wichtige internationale Anerkennung zu erlangen.
Auch in Turin arbeitet seit ca 30 Jahren die Compagnia Grilli. Entstanden aus der Sammelleidenschaft des Ing. Augusto Grilli, wird die Kompagnie heute von seinem Sohn Marco geleitet, der, nachdem er sich in den verschiedensten Techniken des Figurentheaters versucht hat, ein ausgezeichneter Handpuppenspieler des traditionellen Figurentheaers geworden ist und die Maske des Gianduja belebt.
Das Teatro Alegre von Pinerolo bewegt sich in den Erforschungen der Ausdruckskräfte der Marionette und ihrem Wesen. Die Kompagnie wurde 1995 von Georgina Castro Küstner und Damiano Privitera in Folge der Arbeit mit der berühmten Gruppo Taller de Marionetas di Barcellona gegründet. Die technische Perfektion vereint mit der programmatischen Strenge ist das Stilmerkmal der Kompagnie.
Il Melarancio von Cuneo, unter der Leitung von Gimmi Basilotta und Marina Berro, gegründet 1982, entwickelt seine Aktivitäten vorwiegend auf dem Gebiet des Jugendtheaters und verbindet die Techniken des Figurentheaters mit denen des Schauspielertheaters. In den letzten Jahren hat sich die Kompagnie jungen Puppenspielern geöffnet und bietet eine weitere erfolgreiche Linie von Angeboten für ein Kinderpublikum
Die Kompagnie Aldabra Teatro von Verbania spezialisierte sich auf Aufführungen, die wie lebendige Bücher sind, während Il Gufo Buffo von Paolo Grasso gefundene Materialien und glückliche Erfindung zu pädagogischen und gleichzeitig humorvollen Mikrogeschichten vereint.
Unter den in letzter Zeit gegründeten Kompagnien hat Oltreilponte Teatro von Beppe Rizzo durch eine solide Verschmelzung von Schauspielerei, Musik und Puppenspiel eine eigene Note gewonnen: ein Weg, der ihn ein gepflegtes Repertoire auf Volkstheaterlinie finden ließ. Gianluca di Matteo hat dagegen die Traditionen neapolitanischer Guarattelle ins Piemont gebracht, Ausgangspunkt für eine persönliche Durchforstung anthropologischer Anregungen, während das Teatro Distinto von Alessandria sich durch Minimalismus und Glanz der Bilder verbunden mit dem Tanztheater auszeichnet.
Aber es gibt sehr viele Piemontesische Figurentheaterkompagnien. Es sollen wenigstens erwähnt werden: La Furattola von Verbania, die seit 1979 Aufführungen für Kinder produzieren, die traditionellen Marionetten von Maurizio Lupi, die Handpuppen von Magico Teatro und von Teatro Baraonda, die Geschichten der Bottega Teatrale von Giuseppe Cardascio, die Phantastereien von Andy Rivieni, das schwarze Theater von Marivelas und von Balaò, der Circo delle Pulci (Flohzirkuns) von Chiara Trevisan, die Erzählungen mit Figuren des Teatro delle Selve und von Alessandra Otarda, die Varieténummern des Babaciu Theatre und von Guizzi di Marionette, die gesangreichen Scherze von Le Due e un Quarto, die Schatten von Merceria Barbagli und von La vecchia soffitta, und dann noch die sonderbare Verbindung von Theater und Physik des Teatro delle Incognite.

Das Piemont beherbergt schließlich äußerst fähige Puppenbauer, an die sich viele Kompagnien für ihre Aufführungen wenden, von Natale Panaro, geschätzt als echter Meister, zu Francesco Furone und Andrea Rugolo.
Eine extra Erwähnung verdienen die ideenreichen Marionetten des Teatro dei Sensibili von Guido Ceronetti. Wie jedes visionäre Theater besitzt auch das Ceronettis eine sehr klare stilistische Richtung. Viele halfen ihm, seine Träume wahr zu machen, als erste unter allen, bei der Ankunft in Rom, seine Frau Erica Tedeschi und dann Carlo Cattaneo und Giosetta Fioroni, und Freunde durch ein einfaches Zeichen, wie Ugo Nespolo, oder durch ein Geschenk, wie Federico Fellini, und dann, vor allem, Hände von Schauspielerinnen-Vestalinnen und von verschiedensten Mitarbeitern, um eine Compagnie ins Leben zu rufen, die keine Kompagnie ist. Das Teatro dei Sensibili ist wilder Wechsel, der Farben mit Tönen mischen kann, Barnaba Caccù (den Mädchenmörder aus La Iena di San Giorgio, Theaterstück in den Dreißigerjahren im Theater der Niemen gesehen) mit Garibaldi, Rimbaud mit den schwarzen Löchern. Es ist ein mystischer Vergnügungspark und als solcher entflieht er den Hausmauern, in die er eingeschlossen wurde, um der Straße zu folgen, der er, mit Keuchen, gehört.

FESTIVALS

Im Piemont finden einige der größten italienischen Figurentheaterfestivals statt mit sichtbaren Vorzügen, in der Lage, große internationale Kompagnien einzuladen und sich als deutlicher Bezugspunkt auch in der Ausbildung anzubieten. Es ist sicher kein Zufall, dass sich das Piemont, wie wir gesehen haben, einer so großen Anzahl junger, wenn nicht sogar sehr junger Kompagnien rühmen kann.
Es ist ein Muss sich zu erinnern, dass zu Beginn der Achtzigerjahre die Verwaltung des Erbes der Lupi durch Gian Mesturino und die Gründung des damit verbundenen Museo della Marionetta das größte Festival der Epoche schuf, Il gioco dei fili: ein Ereignis, das sich einige denkwürdige Saisonen wiederholte und die größten internationalen Kräfte nach Turin brachte und Anregungen und Gärstoffe lieferte.
In gewisser Weise trat das 1994 von der Kompagnie Controluce in Turin gegründete Festival Incanti seine Erbschaft an. Die Besonderheit des Festivals ist es, dass es sich von Anfang an an ein Erwachsenenpublikum wandte, mit großer europaweiter Anziehung und einer Wendung gegen Osten: der Plan ist sicher aufgegangen angesichts der großen Zustimmung, nicht nur von Publikum und Kritik sondern auch von Seiten der qualifiziertesten Ausführenden: daher sind seit Jahren John McCormick, größter Gelehrter auf dem Gebiet der Marionetten und Handpuppen und Trude Kranzl, österreichische Organisatorenlegende, Stammgäste.
In Pinerolo wird Immagini dell'Interno neben der internationalen Öffnung von der wichtigen Vetrina del Teatro di Figura Piemonte begleitet, die sich immer mehr als Treff- und Wachstumspunkt vor allem für die aufkommenden Kompagnien zeigt. Das Teatro Alegre, Seele des Festivals, vergibt bei dieser Gelegenheit auch 2 Preise: Dogmar, für ästhetische Forschung über das Wesen der Marionetten und den Gianduja di Pezza, von einer Fachjury dem besten Stück einer piemontesischen Kompagnie verliehen.
Zwischen Alba, Langhe und Monferrato dagegen spielt sich Burattinarte ab, eine Veranstaltung, die fähig ist, das Theater auch auf die Plätze der kleinsten Zentren zu tragen, für ein Freiluftfestival von großer Zustimmung, das die Berufung der beiden Organisatoren, Claudio & Consuelo, für das Straßentheater wiederspiegelt.
In San Giacomo di Roburent, in der Gegend von Cuneo, hat die Kompagnie Grilli das San Giacomo Puppet Festival ins Leben gerufen, das sich immer mehr als offener Raum für die jungen nationalen Kompagnien abgezeichnet hat.
Zu erwähnen ist noch Assoli - das kleine aber historische Festival von Viguzzolo veranstaltet von der Associazione Peppino Sarina - das den wertvollen Verdienst hat, das erste nationale nur völlig einem erwachsenen Publikum gewidmete Treffen zu sein; das Festival Nazionale dei Burattini - Premio ai Bravi Burattinai d'Italia, ein außergewohnliches Ereignis in Silvano d'Orba: einer Ortschaft von ein wenig weniger als 2.000 Einwohnern, die es geschafft hat, durch die Puppen wieder in Erscheinung zu treten, verstanden als sichtbare Strategie der Aufwertung der Gegend; und das in zeitlicher Reihenfolge zuletzt entstandene, das Europuppet FestiValsesia der Bottega Teatrale in Varallo Sesia.
Nicht eigentlich Festivals, aber sicher gefestigte und jährliche Treffen sind Figure di Notte, die weiße Nacht des Figurentheaters, organisiert von Dottor Bostik in der Casa del Teatro Ragazzi e Giovani di Torino und L'alba del narrare in Grugliasco: eine Reihe von Treffen, Aufführungen und Ausstellungen gewidmet der Reflexion über das ursprüngliche Theater, angeregt vom Istituto per i Beni Marionettistici e il Teatro Popolare und der Fondazione Circuito Regionale del Piemonte.

FORSCHUNG UND AUSBILDUNG

Vom Gesichtspunkt der Forschung über das Figurentheaer stellt das Piemont absolut ein Unikum dar. Bei der Facoltà di Lettere e Filosofia dell'Università degli Studi di Torino gibt es seit über 10 Jahren den einzigen Lehrstuhl in Italien, der sich ausdrücklich mit der Geschichte der Marionetten und Handpuppen befasst. Die Vorlesungen, zuerst von Giovanni Moretti gehalten und jetzt von Alfonso Cipolla, zielen darauf, diese komplexe Theatersystem zu definieren und tw. zu rekonstrukturieren, das, auf oft unlösbare Weise, alle Theateraktivitäten bis ins die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts verbindet: Musiktheater, Ballett, Schauspiel (Amateure und professionelles Theater), Marionetten und Handpuppen teilen sich nicht nur ein präzises Repertoire, sondern stehen untereinander in synergethischem Wettstreit, in einer Beziehung von Zirkularität und dauerndem Austausch. In dieser Richtung gehen die Studien über das große Repertoire, das einen Querschnitt durch die verschiedenen Arten von Aufführungen gibt: Genoveffa di Brabante, Guerrin Meschino, Il fornaretto di Venezia, oder auch die großen Tragödien Shakespeares (Macbeth, Othello, Hamlet, Romeo und Julia) die sich in Italien durch das Musiktheater und die Marionetten früher verbreiteten als durch das Schauspiel.
Die Arbeit an der Universität findet ihre natürliche Fortsetzung in der Tätigkeit des Istituto per i Beni Marionettistici e il Teatro Popolare. Gegründet unter der Ehrenpräsidentschaft von Roberto Leydi und geleitet von Giovanni Moretti und Alfonso Cipolla, hat das Istituto seinen Sitz in der Villa Boriglione aus dem 18. Jahrhundert im Parco Culturale Le Serre in Grugliasco, Dank dem Protocollo d'Intesa abgeschlossen mit der Regione Piemonte und der Comune di Grugliasco, die nicht nur die Übersiedlung der reichen Marionetten- und Handpuppensammlungen sondern auch der ungeheuren Bibliothek, Ikonographie und des Archives gestattet hat. Unter den aufbewahrten Fundi stechen die wertvollen Regiebücher hervor, die Sales und Bellone gehört haben, absolut unter den ältesten, darunter Le novantanove disgrazie di Gianduja, das Manuskript der historischen Aufführung mit der am 25. November 1808 die Maske des Gianduja offziell in Turin vorgestellt wurde. Die verschiedenen auf die Wege gebrachten Projekte - gerichtet auf das Volkstheater in seiner Gesamtheit, von den Heiligendarstellungen zu den historischen Wiederbelebungen, zu Laientheater, zum Zirkus, zu den vielfältigen Formen des Improvisationstheaters - haben es dem Istituto erlaubt, eine kontinuierliche Herausgeber- und Ausstellungstätigkeit zu entwickeln, mit Ausstellungen in Italien und im Ausland (Österreich, Portugal, Frankreich, Quebec.).
Eine andere Einrichtung, die sich die Förderung des historischen Erbes im Hinblick auf Marionetten und Handpuppen zu Aufgabe gemacht hat, Studien, Publikationen, Ausstellungen und Aktivitäten zur Verbreitung, Ausbildung und Aufführungen fördert, ist Peppino Sarina in Tortona. Sie hat ihren Namen von einem der größten Puppenspieler des 20. Jahrhunderts, der zwischen dem Gebiet von Tortona und dem Oltrepò von Pavia aktiv war, mit einem genau umrissenen Repertoire der Tradition und der Reduktion der Ritterepik, unterteilt in Zyklen von bis zu 120 abendlichen Abschnitten. Der Theaterfundus der Familie Sarina, erworben von der Fondazione Cassa Risparmio di Tortona, wird von der Associazione verwaltet und stellt eine der wichtigsten italienischen Handpuppensammlungen dar.
Aber das Piemont kann sich auch des konkreten Interesses akademischer Einrichtungen für das Figurentheater rühmen. Tatsächlich erneuert das Istituto Superiore di Studi Musicali "Conservatorio Guido Cantelli" di Novara in seinen Projekten die Verbindung zwischen Musik und Marionetten und organisiert Treffen darüber, gibt Publikationen heraus und veranstaltet Konzerte und Aufführungen. Aus solchen Gründen wurde es eingeladen, am internationalen Projekt Puppet & Music, veranstaltet vom CTA in Görz, teilzunehmen.
Auch bei der Accademia Albertina di Belle Arti di Torino gibt es seit einigen Jahren einen eigenen Kurs für Figurentheater, gedacht als Überblick über den Entwurf und den Bau von Marionetten, Handpuppen, Schatten und belebten Figuren unter der Leitung des Bühnenbildners Massimo Voghera.
Ausbildungstätigkeiten für junge KünstlerInnen verschiedener Nationalitäten werden außerdem innerhalb der Festivals organisiert. Incanti verwirklicht seit einigen Jahren, neben den traditinellen Schattentheaterwirkshop im Castello di Rivoli - Museo d'Arte Contemporanea, das Projekt Incanti Produce (P.I.P.), das die Möglichkeit bietet, an einer richtigen Produktion unter Leitung eines Regisseurs von internationalem Ruf teilzunehmen.
Vertiefungen der verschiedenen Techniken des Figurentheaters, geleitet von den Gastkünstlern des Festivals, werden weiters ins Programm von Immagini dell'Interno in den dem neugeschaffenen Teatro del Lavoro in Pinerolo angeschlossenen Werkstätten aufgenommen.

MUSEEN UND SAMMLUNGEN

Lebhaftes Zeugnis der jahrhundertealten Gegenwart der Marionetten und Handpuppen im Piemont wird durch die große Anzahl der öffentlichen und privaten Sammlungen in der Gegend abgelegt. Das Museo della Marionetta di Torino, eingerichtet Ende der Siebzigerjahre, um das Erbe der Familie Lupi zu würdigen, befindet sich in den Räumen unter der Kirche Santa Teresa zusammen mit dem Teatro Gianduja. In den Ausstellungsräumen werden einige der wertvollsten Höhpunkte dessen gezeigt, was als
absolut reichhaltigstes Marionettenwerk mit seinen zwei Jahrhunderten Geschichte und Beständigkeit angesehen werden kann. Marionetten, Dekoration, Kostüme, Kulissen rufen die Feste vergangener Zeit hervor, weisen auf die Weite des Repertoires und den Aufwand der Dekorationen hin. Seit einigen Jahren wird ein Projekt angedacht, das ganze Erbe öffentlich zu erwerben für eine nötige Neuaufstellung dieser so sehr mit der Geschichte Torins verbundenen Angelegenheit.
Ein anderes außergewöhnliches Marionettentheater ist das bei den Fürsten Borromeo in ihrem Palazzo auf der Isola Madre im Lago Maggiore befindliche. 1778 anlässlich des Besuches des Principe Amedeo von Savoien gebaut, ist es das lebendigste Zeugnis für die Großartigkeit der aristokratischen Theater, geschaffen um ihre Gäste mit wandelbaren Marionetten, fantastischen und grotesken Tieren, bühnenbildnerischen Spielerein und Maschienen, die fähig sind, die verschiedensten atmosphärischen Vorkommnisse nachzustellen, zu überraschen.
Es wurde schon hingewiesen auf die Sammlungen des Istituto per i Beni Marionettistici e il Teatro Popolare und der Associazione Peppino Sarina, die einen unabdingbaren Bezugspunkt für die Geschichte des Figurentheaters im Piemont darstellen, beherbergen sie doch Materialien und Dokumente, die den größten Kompagnien des 19. und 20 Jahrhunderts gehörten. (Für Einzelheiten der Sammlungen sei auf die jeweiligen Homepages verwiesen). Besonders bedeutend unter diesem Gesichtspunkt sind noch die in Vercelli von der compagnia Niemen verwahrten Materialien: dort befinden sich die alten Handpuppen der Familien, Regiebücher und Kulissen der Burzio, der Marengo, der Gambarutti, neben denen des Cousins Gualberto, des vielleicht vielseitigstem Künstlers unter den Niemen, 1921 Erfinder der Person Testafinas, naiver Gefährte Giandujas.
Eine zusammengestellte und teilweise beim Alfa Teatro in Turin ausgestellte Sammlung ist dagegen die mit Sammlergeschmack von Augusto Grilli geschaffene. Sie umfasst auf besondere Weise eine satte Reihe von Zimmertheatern und Spielzeugmarionetten, unter denen der Fundus Bonini mit den Materialien der gleichnamigen 1874 gegründeten Turiner Marionettenfirma hervorsticht.
Das Centro Studi del Teatro Stabile Torino hat jüngst Marionetten, Masken und Kulissen vom Teatro dei Sensibili von Guido Ceronetti erworben, während das Museo Nazionale del Cinema in der Mole Antonelliana neben seiner bemerkenswerten Sammlung an Schatten und Laternae magicae einige Marionetten zu cinematografischen Themen aufbewahrt, die dem Teatro dei Piccoli von Vittorio Podrecca gehörten. Andere Marionetten von Podrecca befinden sich im Fundus Serdoz-Teatro Fregoli der von der Regione Piemonte erworben wurde, während die alten Kulissen für Marionetten Teil der Sammlung Moretti im Palazzo Madama sind.
Die Musei Civici di Novara haben wiederum die Theatersammlung des Conte Marco Caccia di Romentino (1868-1940) erworben, die in zahlreiche und komplexe Sektoren gegliedert ist, die Theater, Musik und Aufführungen gewidmet sind, unter denen eine bestimmte Anzahl von historischen Marionetten verschiedener Herkunft zu finden ist.
In der Comune di Candelo, in der Gegend von Biella, hat sich ein Fundus von Marionetten erhalten die den Burzio gehörten, eine Erinnerung an die Gegenwart der Kompagnie, die hier während des letzten Krieges glänzte.
In Ivrea werden von der Familie die Handpuppen des Schriftstellers Carlo Brizzolara (1911-1986) aufbewahrt, von denen einige ausdrücklich vom Maler Salvatore Fiume angefertigt wurden. Nach der Schlacht von El Alamein in Gefangenschaft geraten, veranstaltete Brizzolara Aufführungen im Konzentrationslager von Geneifa in Ägypten. Die Texte dieser Aufführungen wurden 1975 bei Einaudi veröffentlicht.
Aber es gibt noch viele private Sammlungen, wir weisen wenigstens auf die des Malers Amerigo Carella (1940-1999) hin: eine Sammlung von Berufsspieler- und Spielzeugmaterialien, zu denen sich die von ihm mit Inspiration des Liebhabers und äußerster technischer Klugheit geschaffenen Marionetten gesellen.

LITERATUR

Die intensive Forschungs-, Bewahrungs- und Förderungstätigkeit setzt sich in eine überaus intensive literarische Tätigkeit um. Praktisch all die Sachbuchliteratur auf diesem Sektor entsteht im Piemont und überdeckt ein Fehlen an Studien von fast einem halben Jahrhundert. Über 50 Bände sind in den letzten 15 Jahren herausgekommen, die die Geschichte der Marionetten und Handpuppen tiefgreifend nachzeichnen, nicht mehr umschrieben auf das Gebiet des Volkstums, sondern mit vollem Recht in die Geschichte des Theaters eingegliedert. Dies ist eine der Charakteristiken der vom Istituto per i Beni Marionettistici e il Teatro Popolare herausgegebenen Werke, das auf die Beteiligung verschiedener Wissenschafter zielt, um die verschiedenen Gebiete des Theaters, der Musik, der Anthropologie und der Sozialwissenschaft abzudecken.
Die Associazione Peppino Sarina hat im besonderen eine Reihe begonnen, die Werke teils aus dem traditionellen, teils aus dem modernen Figurentheater versammelt; außerdem vergibt sie, gemeinsam mit der Familie des Puppenspielers Walter Broggini den Premio Dottor Burattino für die beste Dissertation über das Figurentheater und veröffnetlicht die besten Arbeiten.

Publikationen des Istituto per i Beni Marionettistici e il Teatro Popolare, Kataloge von Ausstellungen und Aufführungen

Publikationen der Associazione Peppino Sarina
Monografien
- Pietro Porta, Gente di Sarina. Il burattinaio Peppino Sarina e le comunità del Tortonese e dell'Oltrepò pavese nella prima metà del Novecento, Präsentation von Alessandro Napoli, Diakronia, Vigevano 1997.
- Gualberto Niemen, Autobiografia di un burattinaio, herausgegeben von Pietro Porta, Tortona 2000.
- Franco Gambarutti, Una vita appesa ai fili, herausgegeben von Pietro Porta, Junior, Bergamo 2005.
Ausstellungskataloge
- Le marionette Pallavicini, herausgegeben von Ezio Bilello, Giampaolo Bovone, Remo Melloni, Sagep, Genova 1995.
- Pulcinell'arte. Duecento opere sulla maschera di Pulcinella, einführende Beiträge von Alfonso Cipolla und Raffaele De Grada, edizione Comune di Voghera, Voghera, 2000.
- Pupi catanesi a Genova. Una storia ritrovata, einführende Beiträge von Alessandro Napoli und Ezio Bilello, Genova 2000.

Reihe "Burattini in pedagogia"
- Walter Broggini, La magia del burattino, Junior, Bergamo 1995.
- Roland Schöhn, Marionette, Präsentation von Mariano Dolci, Junior, Bergamo 1998. - Hanspeter Bleisch - Ursula Bleisch-Imhof, Teatro per i burattini - burattini per il teatro. Un libro per creare e per giocare, Junior, Bergamo 2003.

Reihe "I testi del teatro di figura"
- Gualberto Niemen, La iena di San Giorgio, Präsentation von Guido Ceronetti und Cesare Bermani, I Quaderni del Battello Ebbro, Porretta Terme 1998.
- Famiglia Rame, La battaglia di Palestro. La battaglia di Solferino e San Martino, herausgegeben von Pietro Porta und Alfonso Cipolla, einführende Beiträge von Roberto Leydi und Giovanni Moretti, mit einer unveröffentlichten Zeichnung von Dario Fo, I Quaderni del Battello Ebbro, Porretta Terme 1999.
- Giuseppe Sarina, Napoleone Bonaparte alla battaglia di Marengo, einführende Beiträge von Pietro Porta, Franco Castelli und Remo Melloni, mit einer Temperazeichnung von Piero Leddi, I Quaderni del Battello Ebbro, Porretta Terme, 2000.
- Famiglia Lupi, Aida, einführende Beiträge von Alberto Jona und Alfonso Cipolla, Junior, Bergamo, 2002.
- Famiglia Gambarutti, Giuseppe Musso, ovvero Il Gran Diavolo sulle montagne di Genova, einführende Beiträge von Pietro Porta und Ezio Bilello, Junior, Bergamo 2003.
- Gigio Brunello, Gyula Molnár, Macbeth all'improvviso, herausgegeben und einführender Beitrag von Pier Giorgio Nosari, Junior, Bergamo 2003.
- Raffaele Crovi, Il viaggio di Astolfo (eingerichtet von Velia und Tinin Mantegazza für das Teatro del Buratto), herausgegeben und einführender Beitrag von Pier Giorgio Nosari, Junior, Bergamo 2004.
- Giuseppe Sarina, Vita, miracoli, morte e gloria di S. Contardo protettore di Broni, Vorwort von Gianna Vancini, Einführung von Pietro Porta, Junior, Bergamo 2007.

Reihe "Le tesi del Premio Dottor Burattino"
- Massimo Calì, Burattini e marionette tra Cinque e Seicento in Italia, Junior, Bergamo 2002.
- Andrea De Alberti, Il Teatro dei Sensibili di Guido Ceronetti, Junior, Bergamo 2003.
- Paola Campanini, Marionette barocche. Il mirabile artificio, Junior, Bergamo 2004.
- Anna Dotti, I "Promessi Sposi" della Compagnia Carlo Colla e Figli. Il melodramma nella tradizione marionettistica, Junior, Bergamo 2004.
- Davide Marzattinocci, Cassandrino al Teatro Fiano. Il teatro delle marionette a Roma nella prima metà dell'Ottocento, Junior, Bergamo 2006.
- Laura Rocco, Peter Schumann. Tra utopia e rifondazione del teatro, Junior, Bergamo 2007.
- Donata Amico, "Teatrar narrando": l'Opera dei pupi catanese. Le "serate" di Raffaele Trombetta (1882-1928), Junior, Bergamo 2008.
- Andrea Ferrari, Theatrum mortis. La marionetta nel teatro di regia, Junior, Bergamo 2009.